Straße durch die Tundra

Eine Fahrt mit dem Wohnmobil über den Dempster-Highway in die Arktis ist ein großes Abenteuer fern der Zivilisation. Ersatzreifen nicht vergessen! Von Jörg Michel

Auf dem Weg in den Norden

Es geht geradeaus, immer geradeaus. Stundenlang. Tagelang. Unser Wohnmobil holpert über die Piste wie ein Stück Seife auf einem Waschbrett. Der Fahrersitz wippt auf und ab, der Motor heult, hinten klappert das Geschirr. Unsere Räder kämpfen sich durch das Schotterbett und wirbeln Kaskaden an Staub auf. Ob die Reifen wohl halten werden? Zwei Ersatzräder haben wir eingepackt für den Fall der Fälle.

Wir sind unterwegs auf dem Dempster Highway, eine der entlegensten Straßen in Kanada und der einzigen, die im Sommer und Winter in die Arktis führt. Über 736 Kilometer schlängelt sie sich über den Permafrost, aus dem Süden des Yukon unweit der Goldgräberstadt Dawson City bis nach Inuvik in den Nordwestterritorien. Vorbei an einsamen Seen, subarktischen Wäldern, durch die Tundra. Und kaum eine Menschenseele weit und breit.

Was für ein Abenteuer!

Bei 66 Grad und 33 Minuten nördlicher Breite überqueren wir den Polarkreis, später geht’s auf Fähren über die mächtigen Ströme des Nordens. Nur ein Hotel gibt es an der Straße, eine Tankstelle und Werkstatt inklusive. Ansonsten nur Leere, Einsamkeit und der Horizont, der nicht zu enden scheint.

Hätten wir es eilig, könnten wir die gut ausgebaute Schotterstraße in zwölf bis 14 Stunden absolvieren, doch wir nehmen uns lieber ein paar Tage Zeit. Zu aufregend ist die Fahrt durch die atemberaubenden Landschaften des Nordens, die wir sonst nur aus dem Fotobildband kennen. Nachahmen ist ausdrücklich empfohlen! Unsere Höhepunkte unterwegs:

Dempster Delta Visitor Information Centre, Dawson City (Kilometer 0)

Wie ist der Zustand der Straße? Wo befinden sich Campingplätze? Werden wir Grizzly-Bären sehen? Fragen über Fragen. Antworten gibt‘s im Infozentrum der Nordwestterritorien in Dawson City. Dort haben wir uns vor der Fahrt zur Sicherheit auch freiwillig in ein Logbuch eingetragen, damit jeder weiß, daß wir auf dem Highway unterwegs sind. 1.400 Abenteurer aus aller Welt nutzen diesen kostenlosen Service im Jahr.

Government of Yukon/Fritz Müller

Tombstone Territorial Park (Kilometer 72)

Patagonien des Nordens – so nennen die Kanadier den 2.200 Quadratikilometer großen Park, der für seine bizarren Bergformationen und seine weiten Täler bekannt ist. Der Park gilt als Winterquartier der Porcupine-Karibuherde, eine der größten ihrer Art weltweit. Wir unternehmen eine Tageswanderung in die Tundra auf dem Goldensides Trail und übernachten auf dem Campingplatz, der 36 Zelten oder Wohnmobilen Platz bietet.

 

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Eagle Plains (Kilometer 369)

Am Eagle Plains Hotel führt einfach kein Weg vorbei. Die rustikale Herberge am Highway ist wegen ihres morbiden Charmes besonders bei Truckern und Bikern beliebt. Auch wir gönnen uns hier eine wohlverdiente Pause und ein kühles Bier. Das Personal ist hart aber herzlich, die Bar ist vollgepfropft mit ausgestopften Tieren und Elchgeweihen. Es gibt einen Abschleppwagen für den Fall der Fälle.

Fort McPherson (Kilometer 550)

Der Besuche der kleinen Gemeinde der Gwich’in Ureinwohner lohnt nicht nur wegen der idyllischen Lage am Peel River. Auf einem Friedhof nahe der Dorfkirche entdecken wird die Gräber der »Lost Patrol«, einer Gruppe von Polizeioffizieren, die auf einer Hundeschlittenpatrouille im Winter 1910-11 im Schneesturm bei -55 Grad erfroren waren. Im Peel River Inn gibt es kleine Snacks und Reiseproviant.

Mackenzie River Crossing (Kilometer 608)

Auf der Louis Cardinal Ferry treffen wir Frano Juricko, der vor 25 Jahren aus Kroatien nach Kanada kam. Heute arbeitet er als Chefingenieur auf der Fähre, die bei Tsiigehtchic den Mackenzie und Arctic Red River überquert. Sein Job ist eine Herausforderung, denn manchmal muss er tagelang auf Ersatzteile aus Inuvik warten. Im Winter dagegen gibt es nichts zu tun, denn dann passieren Autofahrer den mächtigen Fluß auf einer Eisbrücke.

Inuvik (Kilometer 736)

Am Ende unserer Reise sorgt Inuvik für Superlative. Das 3.100-Einwohner-Städtchen in der Tundra kann mit der nördlichsten Moschee Kanadas aufwarten, dem nördlichsten Gewächshaus und der bekanntesten Iglu-Kirche des Landes. Ein ausgefeiltes Lüftungssystem sorgt dafür, dass die runde Konstruktion nicht im Permafrost versinkt. Im Herbst wird in Invuvik eine neue Straße eröffnet, die bis nach Tuktoyaktuk an den Arktischen Ozean führt.