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Wie der Ahorn auf die Flagge kam

Sie ist wohl die berühmteste Flagge der Welt – und trotzdem jünger als die Beatles oder das Farbfernsehen. Erst seit 1965 präsentiert sich Kanada offiziell mit dem »Maple Leaf«, dem roten Blatt des Zuckerahorns.

Vorausgegangen waren endlose Debatten, heftige Redeschlachten aber auch eine beispiellose Kreativität der Kanadier. Mehr als 3.500 Einsendungen erhielt das Parlament, als es um Vorschläge für eine neue Nationalflagge bat (Der britische Union Jack hatte wegen kaum noch vorhandener Bindungen nach Europa ausgedient). Das rote Ahornblatt gewann die anschließende Abstimmung.

Und das obwohl der Ahorn längst nicht der Baum ist, von dem es die meisten gibt in den endlosen Weiten Kanadas. Doch eine Weißfichte mag zwar majestätisch sein, sieht aber einfach nicht aus, wenn man sie auf Stoff druckt. Und wäre eine rote Tanne nicht immer gleich mit Weihnachten in Verbindung gebracht worden?

Das Ahornblatt – ein Nationalsymbol

Zumal das Ahornblatt schon sehr viel früher als nationales Symbol herhalten durfte. Das wird auch mit dem Ahorn-Sirup zusammenhängen, der so typisch ist für Kanada und dessen Zubereitung die indianischen Ureinwohner entdeckt und perfektioniert hatten, um für den Winter eine kalorienreiche Nahrung auf Vorrat zu halten.

Wohl auch deswegen erscheint bereits 1876 das »Maple Leaf« auf allen kanadischen Geldscheinen und Münzen. Und in beiden Weltkriegen tragen die kanadischen Soldaten das Ahornblatt auf Uniformen und Regiments-Flaggen. Damals allerdings noch in Grün. Erst 1957 wurde umkoloriert, um an die für Ahorn so typischen roten Blätter im Herbst zu erinnern.

Im Windkanal getestet

Biologen dürften sich beim genauen Blick auf Kanadas Nationalflagge aber die Nackenhaare aufstellen: Wer sich in Flora und Fauna auskennt, weiß, dass das Zuckerahornblatt normalerweise 23 Zacken hat. Auf der Fahne sind es aber nur elf Zacken! Nun könnte man meinen, das hätte vielleicht eine politische Bedeutung und steht für die Anzahl der Provinzen oder Territorien. Alles falsch. Es sieht schlicht besser aus! Im Windkanal haben schlaue Kanadier getestet, welche Variante auch bei starkem Flattern im Wind noch am ästhetischsten wirkt und erteilten den elf Blattspitzen den Test-Sieg.

Was ein echter Kanadier ist, der lässt sich von so einer Kleinigkeit nicht von seiner Liebe zum eigenen Land und seiner Flagge abbringen. Popsängerin Feist sagte einmal: »Unser Nationalismus ist freundlich. Es dreht sich alles um Ahornsirup, nicht um Krieg.«

Und wer sich ein bisschen länger mit der kanadischen Flagge auseinandersetzen möchte, kann einmal ganz genau hinschauen. Mit etwas Glück erkennt er im weißen Feld von oben rechts und links zwei Silhouetten, als würden langnasige Gesichter mit geöffneten Lippen hineinschauen. Die Kanadier erkennen in ihnen einen englisch- und einen französichsprechenden Landsmann und nennen die beiden liebevoll Jules und Jim! Zwei friedliche Menschen, die ausnahmsweise mal ein Blatt vor den Mund nehmen …

 

 

 

 

 

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