Jennifer Pallian

Süßes Vergnügen im Ahornwald

Im Frühjahr, wenn der Ahornsirup fließt, wird in den Ahornwäldern im Osten Kanadas gefeiert, gelacht und geschlemmt und das flüssige Gold Kanadas zelebriert. Von Jörg Michel

Guter Sirup braucht Minusgrade

Noch ist das Frühjahr kühl in den tiefen Wäldern Kanadas. Auf den Bäumen liegt der Schnee, der Waldboden ist glatt und eisig. Adrian O’Driscoll muss aufpassen, dass er nicht ausrutscht. Doch er freut sich: »Das ist ideales Wetter für uns«, schwärmt er und klatscht in die Hände.

sianc/Shutterstock.com

O’Driscoll arbeitet auf der Kortright Farm, einem Ausstellungsbauernhof für Ahornsirup in Ontario. Auf Tage wie diesen hat er lange gewartet. Nachts ist es kalt und die Temperaturen liegen noch unter dem Gefrierpunkt. Tagsüber dagegen sind die ersten Frühlingsboten zu spüren und das Thermometer steigt schon über Null.

Das Auftauen und Gefrieren ist ideal zur Herstellung von Ahornsirup, denn es sorgt dafür, dass zuckerhaltiger Saft aus den Wurzeln der Ahornbäume aufsteigt und sich zwischen Rinde und Stamm ansammelt. Jetzt müssen Männer wie O’Driscoll die Bäume nur noch anbohren – und schon kann das süße Vergnügen beginnen.

Eine süsse Tradition

Ahornsirup gehört in Kanada zu den nationalen Symbolen ebenso wie Eishockey oder der Biber. Das feuerrote Ahornblatt schmückt die Nationalflagge und viele Kanadier nennen den süßen Rohstoff »flüssiges Gold«. Geerntet wird zwischen März und April – wenn das Wetter mitspielt.

Nach dem Anzapfen der Bäume wird der Saft zu einem dickflüssigen Sirup eingekocht und das wird in Kanada gefeiert. Tausende Besucher und Einheimische machen sich auf den Weg in die Ahorn-Wälder im Osten Kanadas. Sie schauen Männern wie O’Driscoll über die Schulter, feiern mit ihnen die Ernte und probieren in rustikalen Sugar Shacks (Zuckerhütten) Köstlichkeiten inklusive dem neuen Sirup aus.

Das ganz besondere Bonbon

Besonders Familien mit Kindern haben dabei regelmäßig einen Heidenspaß. Ein Renner für Jung und Alt sind Süßigkeiten wie der Ahorn-Lolli. Dabei gießt der Bauer frischen, warmen Ahornsirup auf ein Bett aus Schnee. Dann rollt er die leicht abgekühlte, zähe Masse um einen Holzstab – und fertig ist das Naschwerk.

DGPICTURE/Shutterstock.com

Anbei ein paar Tipps, wo man die Herstellung von Ahornsirup beobachten und dabei so richtig schlemmen kann:

Kortright Centre, Vaughan, Ontario

Die Ausstellungsfarm liegt in einem Wald etwa eine Autostunde außerhalb von Toronto. Hier kann man unter anderem erleben, wie der Saft früher eingekocht wurde: in riesigen Metall-Töpfen des Kortright Centre über dem offenen Feuer. Etwa 40 Liter Saft sind nötig, um einen Liter Sirup zu gewinnen und das Eindicken dauert mindestens 24 Stunden. Die Spezialität im Sugar Shack: geröstete Bohnen mit Schinken und frischem Ahornsirup!

Sucerie de la Montagne, Rigaud, Québec

Nur ein paar Autominuten westlich von Montréal gibt es nichts, was es nicht gibt in Sachen Ahornsirup. In riesigen Hallen der Sucerie de la Montagne werden frankokanadische Spezialitäten wie Fleischkuchen oder Erbseneintopf angeboten, die Desserts und Kuchen triefen vor Ahornsirup. Draußen ziehen Pferde Besucher auf Schlitten durch den Wald, und wer will kann sogar in einer Blockhütte übernachten – Steinkamin und Pelzdecke inklusive.

Gabriel Gurrola

Drumfries Maples, Drumfries, New Brunswick 

Familiär geht es auf der etwa eine halbe Stunde außerhalb von Fredericton gelegen Farm der Geschwister Jane und Nathan Scott zu. Besucher können dabei sein, wenn die beiden den frischen Sirup in Fläschchen abfüllen. In der Zuckerhütte aus Zedernholz werden bei Drumfries Maples frische Pfannenkuchen mit Sirup serviert. Wer den Ahornwald zu Fuß erkunden will, der kann sich auf der Farm Schneeschuhe leihen.

Sugar Moon Farm, Earltown, Nova Scotia 

Auf einer geführten Tour über die Sugar Moon Farm des nördlich von Truro gelegenen Bauernhofes kann man verfolgen, wie Sirup in modernen Alukesseln eingekocht wird, die mit Propan oder Holz beheizt werden. Auf 104 Grad Celsius wird der Saft erhitzt, damit er schön dick wird. Populär auf der Farm sind auch die »Chef Nights« mit Musik, feinem Wein und Ahornsirup-inspirierten Menüs der besten Köche aus Atlantik-Kanada.