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Goldene Zeiten im Yukon

1896, mitten in einer schweren Wirtschaftskrise, wurde im Yukon Gold gefunden. Gold! Zehntausende Menschen machten sich auf in die unwirtliche Gegend in Kanadas Norden, nach Dawson. Dort sind die Goldsucher bis heute aktiv – und mancher Brauch geht auf die Zeit der Goldsucher zurück. Gastautorin: Verena Wolff

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Mutprobe gefällig?

Es klingt schon eklig: »You can drink it fast, you can drink it slow, but your lips must touch the toe.« Dieser Spruch hallt allabendlich durch den Saloon im Downtown Hotel in Dawson City. Und das was sich dahinter verbirgt ist genauso widerlich wie sich der Spruch anhört. Denn der Zeh ist tot. Abgetrennt. Schwarz. Meist hat er einen ziemlich langen Nagel. Tagsüber wird er in Salz gebettet. Und am Abend hat er seinen großen Einsatz, der Sourtoe.

Eingelegt in ein hochprozentiges Getränk wird der Zeh quasi verkostet. Ein paar kanadische Dollar kostet das den Wagemutigen auch noch. In den meisten Fällen ist er nicht beim ersten alkoholischen Getränk, wenn er sich dem Ritual stellt. Also: Zeh ins Glas, Whiskey, Wodka, Tequila oder Gin drauf und runter damit. Nicht mit dem Zeh! Der muss nur die Lippen berühren. Aber darauf wird genau geachtet. Wer das schafft, bekommt eine Urkunde. Und immer währenden Ruhm.

»There are strange things done in the midnight sun« – fand schon der kanadische Schriftsteller Robert W. Service. Nicht nur unter der Mitternachtssonne, sondern auch in den langen arktischen Wintern, die zu den kältesten auf dem Planeten gehören. Wie viele Zehen den vielen Männern abgefroren sind, die vor der letzten Jahrhundertwende den unwirtlichen Weg über die Berge und Pässe im Yukon in Angriff genommen haben, um ihr Glück im Goldrausch am Klondike zu versuchen – man weiß es nicht. Es werden viele gewesen sein.

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Und plötzlich ein Verdacht: Gold

Früher, als noch niemand etwas von Goldvorkommen ahnte, gehörte das Land des Athapasken. Tr’ondëk nannten sie den Fluss, der heute als Klondike bekannt ist – er war der Platz, zu dem sie im Sommer kamen, um zu fischen. Pelzhandel war das erste Geschäft, das in Fort Selkirk südlich von Dawson betrieben wurde – Robert Campbell gründete das Örtchen 1848 für die Hudson Bay Company an der Stelle, an der sich der Yukon und der Pelly River treffen.

Bis heute weiß man nicht ganz genau, wer mit seinem Fund den Goldrausch am Bonanza Creek auslöste. Die wichtigsten Figuren:  Robert Henderson, George Carmack, seine Frau Kate, ihr Bruder Skookum Jim. Und dann gab es da noch den Neffen namens Dawson Charlie. War es Kate, die beim Geschirrspülen im Creek auf das Gold stieß? Oder Skookum Jim, der einen Nugget fand, als er mit Charlie und George unterwegs war? Fest steht, dass Carmack den Discovery Claim steckte, Jim und Charlie hatten Claims neben ihm – und der Goldrausch nahm seinen Lauf.

Die Goldene Treppe

Der war allerdings fast so schnell wieder vorbei, wie er begonnen hatte. Die Goldsucher fuhren mit Schiffen von San Francisco und Portland nach Skagway in Alaska und schleppten ihr Hab und Gut über den Chilkoot-Pass und die berüchtigte »Goldene Treppe«. Dieser Anstieg überwindet auf einer Länge von 800 Metern ein Höhenunterschied von 305 Metern. Und sie mussten nicht nur selbst bei Wind und Wetter über den Pass – sie mussten auch Ausrüstung und Proviant für ein ganzes Jahr mitschleppen. Anders hätten sie die Grenze nach Kanada nicht passieren dürfen. Schon bald war Dawson die größte Stadt westlich von Winnipeg und nördlich von San Francisco. Das erste Casino Kanadas öffnete, dazu zahlreiche Saloons und Geschäfte. Mehrere Zehntausend Menschen lebten dort – und viele von ihnen hatten Geld, viel Geld.

Doch bald war schon wieder alles vorbei. 1899 hatten mehr als 8.000 Menschen die Stadt schon wieder verlassen, 1902 lebten nur noch 5.000 in dem Ort. Im Jahr 1900 wurde in Nome in Alaska Gold gefunden – dahin zogen viele weiter. Die, die in Dawson blieben, ließen sich mit Frau und Kindern nieder, und so wurde aus dem »Paris des Nordens« eine ganz normale Stadt. Die Hauptstadt des Territoriums, bis die Regierung 1953 nach Whitehorse umzog.

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Es besteht noch die Hoffnung auf goldene Zeiten

Heute hat man das Gefühl, durch eine Filmkulisse zu spazieren – die alten Holzhäuser sind bonbonbunt angestrichen, er knarrt und knackt an jeder Ecke. Und auch die Goldsucher sind noch immer da, teils mit riesigen Maschinen, teils noch immer mit der Pfanne. Denn es gibt viele, die davon überzeugt sind, dass es das noch nicht war mit dem Goldrausch. Die »Motherload of Gold« soll noch irgendwo im Permafrostboden am Klondike ruhen.

In der Zwischenzeit schauen Besucher, Goldgräber und Einheimische, dass sie ihre Zehen im Winter gut einpacken, damit die nicht im Salzhaufen des Saloons landen. Den Brauch haben sich übrigens ein paar Freunde ausgedacht, so die Legende. 1973 haben sie sich überlegt, wie man Gäste zum »Sourdough« ehrenhalber machen könne – so wurden die  Yukoner genannt, die einen der harten arktischen Winter überstanden haben. Den Original-Zeh hatte einer der Freunde in seinem Haus gefunden, konserviert in Alkohol. Er stammt wohl von einem Mann, der während der Prohibition Alkohol nach Alaska schmuggelte – und sich dabei die große Zehe abfror. Sein Bruder machte kurzen Prozess, nahm die Axt und entfernte das nutzlose Körperteil. Vergraben konnten die Brüder die Zehe aber nicht, denn der Boden war meterdick gefroren. Also nahmen sie ihn mit zurück in ihr Haus nach Dawson, wo fortan lagerte – bis er schließlich den Weg in den Saloon an der Queen Street fand.

Info

Anreise. Im Sommer fliegt Condor direkt nach Whitehorse – wer im Winter die Polarlichter am Himmel über dem Yukon sehen will, muss über Vancouver fliegen.

Buchen. Der Reiseverantstaler America Unlimited hat eine Aktivreise im Yukon im Angebot.

Von Whitehorse aus fährt man über den Klondike Highway nach Dawson. »Highway« ist allerdings ein bisschen übertrieben – es ist eine gut ausgebaut, einspurige Straße, auf der einem nördlich von Whitehorse nur noch gelegentlich ein Auto entgegenkommt. Tanken sollte man, wann immer sich die Möglichkeit bietet – man weiß nie, ob man nicht mal liegenbleibt. Für die gut 500 Kilometer sollte man einen ganzen Tag einplanen, denn an einigen Stellen muss man einfach anhalten und die großartige Natur entlang des Yukon River bewundern.

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Gastautorin: Verena Wollff ist in der 11. Klasse ein paar Monate in Ontario zur Schule gegangen – und seither kehrt sie in regelmäßigen Abständen zurück. Besonders gut gefällt es ihr an den Orten, an denen es nur wenige Menschen und viel Wildnis gibt. Gern auch im Winter. Da scheinen die Nordlichter besonders hell.

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