Robben auf Fels Jennifer Latuperisa-Andresen

Kanada: der Ruf der Wildnis

Ob Bären, Elche oder Wölfe – wer Wildnis erleben will, ist in Kanada genau richtig, denn hier könnt ihr Wildtieren so richtig nahekommen.

Von Jörg Michel

Wir sitzen auf einem Campingstuhl auf einer kleinen Insel vor Vancouver Island und genießen unseren Nachmittagskaffee. Die Sonne steht hoch über dem Horizont und taucht die schneebedeckten Gipfel der Coast Mountains in ein grelles Licht. Nur ein paar Schäfchenwolken ziehen am Himmel, der Wind weht als leichte Brise, in der Luft liegt der Duft von frischem Tang und Salzwasser.


Auf einmal durchdringt ein lautes Zischen die Stille. Tsssssss, tsssssss, tsssssss. Was nur kann das sein? Fast hört es sich an wie eine Dampflokomotive oder das alte Bügeleisen meiner Oma. Dann sehe ich sie: Direkt in Sichtweite haben sich ein paar Wale zum Lunch versammelt. Sie pflügen durchs Wasser, tauchen immer wieder auf und ab – und pusten dabei Luft durch ihre Atemlöcher.

Walflosse im Wasser
Jennifer Latuperisa-Andresen

 

Was für ein Schauspiel! Wir sind im Broughton Archipel, einer Meeresenge zwischen dem nördlichen Vancouver Island und dem Festland mit Dutzenden Inseln und Inselchen. Ich kenne kaum einen besseren Ort in Kanada zum Wale beobachten als diesen hier. Bis zu 200 Wale tummeln sich in den Gewässern im Sommer. Seit 1992 werden sie von einem eigenen Meerespark geschützt.

Wal Flosse im Wasser, Man mit gelben Kanu
ercvalennegeostory/shutterstock.com

Hin kommt ihr mit dem Wasserflugzeug, dem eigenen Boot oder Kajak – oder mit einem professionellen Tour-Guide ab Telegraph Cove, einer kleinen Boardwalk-Community im Norden von Vancouver Island. Geführte Expeditionen zu den Walen gibt es zum Beispiel mit North Island Kayak. Walbeobachtungs-Ausflüge mit dem Aluboot bietet ab Telegraph Cove Stubbs Island Whale Watching.

rote Rettungswesten vor Walhintergrund
Jakob Owens

 

Wale sind immer ein Highlight. Aber auch sonst könnt ihr in Kanada eine Menge Wildtiere erleben. Passt nur auf, dass ihr den Tieren nicht zu sehr auf die Pelle rückt und informiert euch über das richtige Verhalten, falls euch beim Wandern in der Wildnis einmal ein Bär oder Puma über den Weg läuft …

Hier ein paar Ideen fürs Wildlife-Watching:

 

Grizzlybären

Im Herbst ziehen die zotteligen Räuber an die Flussmündungen von British Columbia, um dort leckere Lachse zu fangen. Beobachten könnt ihr das einmalige Naturschauspiel zum Beispiel in Glendale Cove, einer verwunschenen Bucht im Knight Inlet gegenüber von Campbell River. Oder auf einer Aussichtsplattform im Tweedsmuir Provincial Park in der Nähe von Bella Coola.

Grizzley Bär an Fluss Ufer
Jennifer Latuperisa-Andresen

Weißkopfseeadler

Auch die majestätischen Vögel mit ihrem markanten weißen Kopf lieben Lachse. Das könnt ihr in Brackendale beobachten. Die kleine Gemeinde südlich von Squamish in British Columbia gilt als die Adler-Hauptstadt Kanadas. Zwischen Oktober und Februar versammeln sich dort in guten Jahren bis zu 4.000 Adler, um Lachse aus dem Squamish River abzugreifen. Ferngläser nicht vergessen!

Adler auf Ast im Wald
Jennifer Latuperisa-Andresen

Kermodebären

Sie gehören zu den seltensten Säugetieren Kanadas: Kermodebären, oder auch Geisterbären genannt, sind eine Unterart des Schwarzbären, haben wegen einer Genmutation aber ein weißes Fell. Zu finden sind sie nur auf einigen Inseln im nördlichen British Columbia. Von der Gemeinde Klemtu aus könnt ihr euch mit Guides der Ureinwohner auf die Spur der mystischen Wesen machen!

GeisterBär im Wald
NaturesMomentsuk

Büffel

Einst zogen Millionen Büffel durch die Prärien und Wälder Kanadas, heute sind die Tiere in freier Wildbahn selten geworden. Nicht so im Wood Buffalo National Park im Norden von Alberta. Da haben die Büffel immer noch das Sagen. Sie streifen allerorten durch das Unterholz, grasen im Straßengraben und lungern auf Campingplätzen herum. Ein Blick aus dem Autofenster genügt!

Nahaufname Büffel
Bryce Olsen

Eisbären

Churchill im Norden von Manitoba wird gern die Eisbären-Hauptstadt der Welt genannt – und das zu Recht. Nirgendwo auf der Welt könnt ihr den majestätischen Räubern so nahekommen wie dort. Im Spätherbst ziehen die Tiere nahe dem Ort an die Mündung der Hudson Bay, um dort Robben zu fangen. Auf den Tundra Buggys von Frontiers North Adventures seid ihr live dabei…

Eisbär seitlicher Blick
Jennifer Latuperisa-Andresen

Wölfe

Zu sehen bekommt man die scheuen Rudeltiere nur selten. Hören aber könnt ihr sie immer wieder. Zum Beispiel, wenn ihr abends im Algonquin Park in Ontario am Lagerfeuer sitzt und in die Stille horcht. In den Sommermonaten könnt ihr unter Anleitung von Parkrangern selbst in die Stille rufen, und wenn ihr Glück habt und ein Rudel in der Nähe ist, dann bekommt ihr sogar eine Antwort. Auch ein schönes Ziel in Ontario, um den Wölfen zu lauschen ist Haliburton.

Wolf auf einem Fels im Wald blickt in die Kamera
JimCumming/shutterstock.com

Eistaucher

Der markante Vogel befindet sich nicht nur auf der kanadischen Ein-Dollar-Münze, sondern bevölkert auch die weiten Seenlandschaften, vor allem im Osten Kanadas. Loon nennt man ihn in Kanada. Er gilt wegen seiner romantisch-melancholischen Rufe als wahrer Klangkünstler. Seine Songs gehören zu einem klassisch-kanadischen Sommerabend dazu wie das BBQ und geröstete Marshmallows.

Seetaucher im Anflug, Kanada Wildnis
glassandloon/shutterstock.com

 

Papageientaucher

An der Witless Bay in Neufundland könnt ihr die putzigen Flattermänner nicht übersehen. Denn dort leben auf ein paar Felsen im Meer 250.000 Tiere, es ist die größte Puffin-Kolonie Nordamerikas. Auf den geführten Bootstouren von O’Brien könnt ihr die goldigen Vögel beobachten, mit Glück seht ihr unterwegs auch riesige Eisberge und vielleicht sogar Wale. Nicht versäumen!

Puffin auf Fels, Kanada Wildnis
Victor Benard

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