Tanuha2001/Shutterstock.com

Wie aus dem »Winnipeg Bear« Winnie-the-Pooh wurde

Zuallererst: Winnie war eine sie. Kein er, der Winnie-the-Pooh. Aber es sollte ein Weilchen dauern, bis man das herausfand. Denn: Winnie gab es wirklich, sie ist kein Geschöpf eines Disney-Zeichners, sondern so etwas wie ein kanadisches Urgestein.

Text von Gastautorin Verena Wolff

critterbiz/shutterstock.com

Und so ist die Geschichte überliefert

Harry Colebourn war ein junger kanadischer Tierarzt, der aus Winnipeg stammte. Am 24. August 1914 kam er nach White River in Ontario – er war auf dem Weg nach Europa, zu seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg. Am Bahnhof kaufte er ein kleines lebendes Schwarz-Bärenbaby. Damals für 20 kanadische Dollar. Und er nannte es »Winnipeg Bear«, nach seiner Heimatstadt in Manitoba. Harry musste zunächst nach Québec, von wo aus er gemeinsam mit den anderen Soldaten die Fahrt über den Atlantik antreten sollte. Seinen Bären nahm er kurzerhand mit.

Der Bär wird zum Soldatenmaskottchen

In England angekommen wurde »Winnie« so etwas wie das Maskottchen der »2nd Canadian Infantry Brigade«. Die Soldaten spielten mit der süßen Bärin, sogar auf manchen Fotos aus dieser Zeit taucht sie auf. Dann allerdings kam der Tag, als die Truppe nach Frankreich musste. Winnie und Harry mussten zwangsweise Abschied nehmen, denn das Tier durfte nicht mit.

Exil: Londoner Zoo

Die kleine Bärin aus Kanada kam also in den Zoo von London – und wurde schnell zur Hauptattraktion. Sie gehörte zu den beliebtesten Tieren im ganzen Zoo, und sie war an Menschen gewöhnt. So zahm war sie, dass die Kinder sogar auf ihrem Rücken reiten konnten. Füttern durften sie die Besucher auch – allerdings bekam sie keinen Honig, sondern ein süßes Gemisch aus Maissirup und Kondensmilch.

Catwalker

Wie aus dem Schwarzbären ein Titelfigur wurde

Und wie kommt die Bärin aus Kanada nun in die Bücher, die in der ganzen Welt eine große Fangemeinde haben und sogar ins Lateinische übersetzt wurden? Einer der treuesten Besucher war ein gewissen Christopher Robin, der Sohn von Schriftsteller A. A. Milne. Der Junge war so begeistert von dem kanadischen Import, dass er sogar seinen eigenen Teddybären in Winnie umbenannte – und mit dem Namen Pooh verband. Diesen Namen hatte ein Freund seinem zahmen Schwan gegeben.

A A Milne

Am 14. Oktober 1926 veröffentlichte Milne das erste Buch über den faulen, manchmal etwas dümmlichen Bären mit dem roten Leibchen. Alle anderen Tiere, die in dem Buch vorkommen, sind ebenfalls nach den Vorbildern der Plüschtiere in Christopher Robins Zimmer entstanden. Nun hatte der echte Bär im Londoner Zoo Konkurrenz bekommen von einem Buchcharakter – denn der konnte sogar die ganze Welt bereisen.

Und Disney setzte dem Bären die Erfolgskrone auf

Schließlich schaffte es Winnie-the-Pooh zurück nach Nordamerika – zunächst als erstes ausländisches Buch auf die Bestseller-Liste der New York Times, und dann in den Besitz von Walt Disney. Dessen Töchter nämlich waren große Fans des niedlichen Bären und seiner tierischen Freunde. Fünf Jahr nach dem Tod von Milne kaufte Disney schließlich die Film- und weitere Rechte – und so landete der Bär, der einst mit einem Soldaten aus Winnipeg nach London kam, auf den Kinoleinwänden der ganzen Welt.

Und der echte »Winnipeg Bear«?

Die Bärendame sollte zwar eigentlich nur an den London Zoo ausgeliehen werden, verbrachte aber schließlich ihr ganzes Leben dort.