Ezra Comeau

Mini-Kreuzfahrt an der Küste

An Bord der staatlichen Fähren von B.C. Ferries kann man en passant einige der schönsten Regionen von British Columbia erkunden.  Von Jörg Michel

Es ist ein wolkiger Sommermorgen am Fährhafen von Port Hardy. Die Ebbe ist da und das Meer hat sich über Nacht weit zurückgezogen. An den feuchten Palisaden am Ufer hängen Seesterne, Muscheln und grüner Tang. Auf einem der entblößten Pflöcke sitzt ein Weißkopfseeadler. Auf einmal steigt er auf, dreht eine Runde am Himmel und fliegt dann im Sturzflug auf das Watt zu und greift sich einen fetten Fischkadaver.

British Columbia ist von der Natur gesegnet

Nicht nur für die Adler sind die wilden Küstenlandschaften am Pazifik ein wahres Schlaraffenland. Die Grizzlys sind hier so fett und die Lachse so dick wie nirgendwo sonst in Kanada. Die Regenwälder sind üppig, die gletschergespeisten Flüsse und Fjorde voller Fische. Auch die First Nations mussten sich lange nicht sorgen. Sie hatten genügend Nahrung und Zeit, prächtige Totempfähle herzustellen.

Auf der »MV Northern Adventure« lässt sich die ganze Pracht hautnah erleben. Das Schiff von BC Ferries hat gerade den Hafen an der Nordspitze von Vancouver Island verlassen und pflügt mit zehn Knoten vorbei an felsigen Inseln, roten Leuchttürmen, mystischen Wäldern und wolkenumschlungenen Bergen nach Norden. Im Fernglas erkennt man Robben und Seelöwen, die sich auf den vielen kleinen Felsen an der Strecke aalen.

Die schönste Route? Ganz klar die Inside Passage

Inside Passage nennt sich die traumhafte Route, die Reisende, Autofahrer und Trucker in sechzehn Stunden von Port Hardy bis nach Prince Rupert bringt. Auch Kreuzfahrtschiffe in Richtung Alaska befahren die populäre Strecke durch die pazifische Inselwelt, die als eine der schönsten Schiffsreisen Kanadas gilt. Mit etwas Glück kann man vom Aussichtsdeck des Fährschiffs sogar Orcas, Buckelwale oder Delfine beobachten. Adler sowieso.

An Bord bekommt man die üppige Natur quasi en passant serviert – und das zu kostengünstigen Preisen. Denn die Routen der staatlichen Fährgesellschaft sind mehr als nur Überfahrten von Punkt A nach Punkt B. Sie sind so etwas wie Mini-Kreuzfahrten durch British Columbia. Hier eine Liste meiner liebsten Strecken:

Skidegate to Alliford Bay, Haida Gwaii

Die Inselgruppe Haida Gwaii liegt südlich von Alaska und ist nach dem Glauben der Haida-Ureinwohner der Ort, an dem die Schöpfung einst begann: mystisch, geheimnisvoll und ursprünglich. BC Ferries verbindet in 20 Minuten die beiden Hauptinseln Graham und Morseby Island, die selbst im Sommer oft im dichten Nebel liegen. An den Ufern des Regenwaldes wachen noch historische Totempfähle aus der alten Zeit.

Port Hardy to Bella Coola, Discovery Route

Bella Coola ist eine kleine Fischfanggemeinde und liegt am Ende eines 150 Kilometer langen Fjords. Erreichen kann man den malerischen Ort mit skandinavischen und indigenen Wurzeln über eine kurvenreiche Passstraße – oder mit dem Disvovery Coast Connector. Der bringt Besucher und Einheimische im Sommer via Vancouver Island dorthin. Angeln, Wandern oder Bären beobachten ist angesagt!

 

Port McNeill to Alert Bay, Cormorant Island

In Alert Bay ist die Kultur der Kwakwa̱ka̱ʼakw-Ureinwohner sehr lebendig: Es gibt ein schmuckes Langhaus mit mächtigen Totempfählen, in dem die uralten  Zeremonien von einst zelebriert werden. Im U´Mista Cultural Centre lässt sich eine der ältesten Sammlungen von historischen Potlatch-Gegenständen bestaunen. Der Weg zu den kulturellen Schätzen ist nur mit BC Ferries oder einem Privatboot möglich und dauert 45 Minuten.

Tsawwassen to Long Harbour, Salt Spring Island

Auf dieser mehrstündigen Strecke kann man die zwischen Vancouver und Vancouver Island liegenden Southern Gulf Islands entspannt entdecken. Die Fähre stoppt beim Inselhopping gleich in mehreren Häfen, die zu den beliebtesten Sommerorten British Columbias gehören. Populär ist jeden Samstag der Farmer- und Handwerkermarkt auf Salt Spring Island, der größten Insel. Sogar Palmen gibt es dort, wer hätte das gedacht?

Horseshoe Bay to Langdale, Sunshine Coast

Die Sunshine Coast liegt nordwestlich von Vancouver und gilt noch immer als eine Art Geheimtipp. Dabei lässt es sich an den Stränden zwischen Gibsons und Sechelt herrlich baden, paddeln und wandern. Auch Freunde von Bergtouren kommen hier auf ihre Kosten – auf dem hochalpinen Sunshine Trail, der von Berghütte zur Berghütte führt. Nur 40 Minuten dauert die Fährfahrt vom Norden Vancouvers in das Outdoor-Paradies.

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