Verlassen, verloren, manchmal auch vergessen: Diese fünf Geisterstädte in Kanada solltet ihr unbedingt aufspüren. Text: Jörg Michel
Ziemlich unheimlich ist es hier, oder, wie der Kanadier sagen würde: creepy. Verlassene Blockhäuser, umgestürzte Bäume, eine schiefe Kirche ohne Dach, verwilderte Gärten, ein knarzendes Gattertor im Wind.
Ist hier jemand?
Ob noch Menschen den alten Bohlenweg entlanglaufen, dessen morsche Bretter schon fast im Morast versinken? Ob Angehörige noch auf dem kleinen überwucherten Friedhof vorbeischauen, auf dem die geschnitzten Holzkreuze und steinernen Marienstatuen längst umgefallen sind?
Es ist ein gottverlassener Ort irgendwo am Ende Kanadas. Hier begegnet uns keine Menschenseele. Wir halten uns fest an der Hand auf unserem Weg durch das meterhohe Gras. Wegweiser gibt es keine, nur einen Trampelpfad ins Nirgendwo. Auf einmal raschelt es im Gebüsch. Ein Bär? Ein Wolf? Oder doch nur eine Maus? Wir laufen schneller, bloß schnell zurück zu unserem Auto, das wir irgendwo am Straßenrand geparkt haben.
Geisterstädte wie diese lassen mich erschauern! Verlassen, verloren, manchmal auch vergessen. Wie aus einer anderen Zeit. Manchmal begegnen mir solche Orte per Zufall, manchmal plane ich eine Reise dorthin, manchmal muss ich sie regelrecht suchen.
Auf jeden Fall üben Geisterstädte nicht nur auf mich eine echte Faszination aus. Die sogenannten »lost places« finden sich überall in Kanada. Hier habe ich euch meine fünf Favoriten rausgesucht.
Fort Selkirk, Yukon
Während des Goldrauschs war Fort Selkirk eine echte Boomtown. Gelegen am Yukon River auf halber Strecke zwischen Whitehorse und Dawson City gab es einen Handelsposten, eine Kaserne, zwei Kirchen, eine Schule, einen Saloon, zwei Gemischtwarenläden. Dazu Dutzende Holzhäuser. Geblieben sind davon rund 40 Gebäude, die erstaunlich gut erhalten sind. Auf mich wirken sie, als hätten die Bewohner sie erst gestern verlassen. Dabei wurde der Ort schon in den fünfziger Jahren aufgegeben, als man ihn beim Bau des Klondike Highway links liegen ließ. Eine Straße dorthin gibt es nicht. Nur mit dem Kanu oder Buschflieger kommt man hin.
Buttertown, Alberta
Im dünn besiedelten Norden von Alberta steht die Landwirtschaft hoch im Kurs und so war es einst auch in Buttertown. In dem Vorort von Fort Vermillion produzierten die Bauern hauptsächlich Butter, die sie an die Hudson’s Bay Company verkauften. Mit dem Verlust der alten Handelswege starb auch der Ort. Heute liegt er verloren und von Espenwäldern überwuchert am Ufer des Peace River. Die katholische Block-Kirche von 1906 ist so baufällig, dass ich sie lieber nicht betreten habe. Für manche Grundstücke hätte ich eine Machete gebraucht. Immerhin gibt es einen Schotterweg dorthin, der mit dem Auto befahren werden kann.
Indiana, Ontario
Mitte des 19. Jahrhunderts war Indiana eine kleine Industriestadt im Süden von Ontario. Gelegen am schiffbaren Grand River Canal unweit der Niagara Fälle gab es hier ein Sägewerk, eine Schnapsbrennerei, eine Eimerfabrik, zwei Hotels, eine Kirche. Mit dem Siegeszug der Eisenbahn verlor der Ort seine strategische Bedeutung und verfiel. Geblieben sind zwei Gebäude, der Friedhof und eine Schleuse. Die »Ruthven Mansion«, ein Herrenhaus im Südstaatenstil mit mächtigen Säulen, hat die Zeit überdauert. Es steht unter Denkmalschutz und kann auf geführten Geistertouren entdeckt werden. Mir lief der Schauer über den Rücken!
Val-Jalbert, Québec
Die ehemalige Zellstofffabrik Val-Jalbert samt umliegender Arbeitersiedlung ist die wahrscheinlich am besten erhaltene und größte Geisterstadt in Kanada. Gegründet wurde der Ort in Saguenay-Lac-Saint-Jean vor über einhundert Jahren, zeitweise lebten hunderte Menschen dort. Nachdem die spanische Grippe durch den Ort fegte begann der Abstieg. 1929 verließen der Priester und die Nonnen den Ort, der an einem rauschenden Wasserfall liegt. Heute ist die Siedlung zu einer Art Freilichtmuseum ausgebaut inklusive Komparsen in historischen Kostümen. Sogar übernachten kann man dort wieder. So lässt es sich gut aushalten in einer Geisterstadt!
Hebron, Neufundland & Labrador
Als wir uns dem ehemaligen Fischerort Hebron mit einem Trawler nähern, ist die See aufgewühlt und voller Eisberge. Am Ufer stehen windschiefe Hütten wie Zeugen einer vergangenen Zeit. Ein Gebäude ist frisch gestrichen. »Herzlichen willkommen« steht darauf. Die deutsche Aufschrift ist kein Zufall. Fast 150 Jahre lang unterhielt die protestantische Herrnhuter Brüdergemeine hier im Norden von Labrador eine Missionsstation für Inuit-Ureinwohner. Es gab eine Kirche, eine Klinik, eine Schule, einen Laden und Wohnungen. 1959 schloss die Regierung den Ort. Die Inuit wurden fortgeschickt. Heute lebt im Sommer nur ein Wächter in Hebron, um die Ruinen zu schützen. Wer ihn besuchen will braucht ein hochseetaugliches Boot oder Kreuzfahrtschiff!