Jennifer Latuperisa-Andresen

Familien-Road-Trip durch Nova Scotia

So ein Familienurlaub durch Nova Scotia ist eine feine Sache. Auch wenn die Interessen gravierend differieren, kommt man doch durch die Schönheit der Region ganz einfach auf einen Nenner.

Vorbereitungen auf eine Traumreise

Das Wort »Rafting« hat mich schon vor Reiseantritt wochenlang verfolgt. »Wenn Kanada, dann nur mit Wildwasserrafting. So abenteuerlich wie möglich«, sagte mein Mann. Gefahrenstufe tiefrot. Meinetwegen. Ich kann schwimmen. Zwar habe ich schon bei kleinen Schlauchbootausflügen Angst, von der Kante zu fallen und mir an irgendeinem Stein im Wasser den Kopf aufzuschlagen, aber wenn der Mann nun mal dem Wildwasser trotzen möchte, möchte ich nicht widersprechen. Es ist ja »unser« Urlaub. Ich habe vorausschauend gedacht. Denn bei welcher Adrenalinraftingtour darf schon ein neunjähriges Mädchen mitfahren? Und wer lässt schon seine Tochter stundenlang allein in der kanadischen Wildnis warten? Dementsprechend habe ich eine Raftingtour reserviert. Die Betonung liegt auf reserviert.

 

Songwriters workshop in Sherbrooke Village on the Eastern Shore
CTC

Ankunft Halifax

Die Metropole der kleinsten kanadischen Provinz Nova Scotia. Wer die Stadt als schnuckelig und schön bezeichnet, lügt. Sie ist unspektakulär und von der Land­seite nicht besonders hübsch anzusehen. Aber durchaus liebenswert.

Die Menschen sind kanadisch locker, die Boutiquen klein und trendy und das Essen in den Restaurants, wenn man denn nach 20 Uhr mit Kind hinein darf, empfehlenswert. Während ich also Pläne habe, durch die Stadt zu schlendern, sucht meine bessere Hälfte einen Tennisplatz. Ungelogen. Denn, das muss man auch wissen, er gehört zu der Sorte Mann, die sich gern dem Wettbewerb stellen: Am liebsten mit anderen starken Männern, wenn keiner zur Hand ist, dann gibt es ein ungleiches Kräftemessen mit mir. I

ch hingegen bin kein Freund des Tennisspiels. Schon gar nicht mit dem Partner, der mir die Bälle so sehr um die Ohren pfeffert, dass man das Spiel für mich eher auf Bücktennis umtaufen müsste. Zudem sehe ich den Sinn nicht ein, meine Zeit in einer fremden Stadt auf einem Tenniscourt zu verbringen, der von Australien bis Marokko gleich aussieht. Glücklicherweise haben wir eine Tochter. Eine Tochter, die Boutiquen mag, Schokoladenmilchshakes und Entdeckungstouren in fremden Städten. Doch jeder soll auf seine Kosten kommen. Der Kompromiss zwischen Action und gemütlicher Stadtrundfahrt hat ein orangefarbenes Plastikdach, die Anmutung eines Boots, aber Räder. Denn der Harbour Hopper ist ein Amphibienfahrzeug. »Das klingt nach Action«, sagt mein Mann. Fehleinschätzung. Denn zuerst schlenderte das Gefährt in Seelenruhe die Sehenswürdigkeiten entlang, danach plumpst es reichlich unspektakulär ins Wasser, um dann im Rentnertempo von zehn Stundenkilometern eine Hafentour zu absolvieren. Die Sonne schien, wir sonnten uns, beobachteten die Gischt, und das Gefühl von Urlaub erfüllte den weiblichen Teil der Familie.

DSC_1179

 

Der Beginn eines Roadtrips

Von Halifax über Peggy’s Cove nach Lunenburg. Der Rücksitzblues kehrt ungefähr nach einer gefahrenen Stunde ein. Dann muss die Kleine dringend essen, trinken und sich bewegen. Also wurde der Roadtrip über die Halbinsel Nova Scotia zur Picknickroute. Immer einen köstlich gefüllten Picknickkorb im Kofferraum des Mietwagens. Und wenn das Gegrummel im hinteren Teil des Wagens sich in Geknatsche verwandelt, wird an schönen Orten ausgepackt, um zu essen und die Zeit zu genießen. Eine Picknickortidee: Peggy’s Cove. Ein einsamer, auf Felsen liegender Leuchtturm. Postkartenreif. Ein Gedanke, den auch Hunderte von anderen Touristen haben. Parkplatzsuche statt Picknickdecke. Dudelsackmusik statt Meeresrauschen. Aber was soll’s. Wir sind in Nova Scotia, auf Deutsch Neuschottland, und dahin passt dann auch Dudelsackgetröte. Trotz der vielen Touristen ist es malerisch, und ich bin mir sicher, wenn man in den Morgenstunden dort ist, ist die Atmosphäre einzigartig.

Ähnlich wie Lunenburg in den Abendstunden. Das Städtchen: ein Unesco-Kulturerbe, dessen historische Holzhäuschen bei Sonnenuntergang rot leuchten. Ein Hauch Romantik liegt in der Luft, als wir im Restaurant am Hafen mit Blick auf den historischen Schoner »Bluenose« sitzen. Rappelnde Kutschen ziehen vorbei, als wir fangfrische Jakobsmuscheln und Pizza verzehren.

Weiter geht es in die Wildnis

Von Lunenburg über Shelburne zur Trout Point Lodge. »Wir müssen morgen ganz früh aufstehen«, sagt mein Mann. »Dann nämlich können wir früh an der Trout Point Lodge sein«. Warum? Ganz klar: Das Hotel liegt mitten in der Wildnis und bietet zahlreiche Freizeitaktivitäten wie Paddeln, Wandern, oder Fliegenfischen. Und während wir Mädels bei der Aussage und natürlich bei dem Gedanken an den schwindenden Urlaubsschlaf noch die Augen verdrehen, hat er die Augen schon fast wieder auf. Das erste nette Wort bekommen wir Morgenmuffel erst am Ortseingang von Shelburne über die Lippen. Bei der Ankunft an der Hauptstraße ist es bereits Vorfreude auf dem Beifahrersitz. Hier wollen wir bleiben, zumindest ein paar Stunden. Leider eher Mädchensache, denn Shelburne zeichnet sich insbesondere durch individuelle Lädchen aus, mit handgenähten Kissen, Vintagemöbeln und selbst gemachtem Schokoladenfudge. Irgendwo auf den Weg haben wir ihn verloren, unseren Aktionsguru. Zu finden ist er dann im Fahrradshop. Tief verwickelt in eine Diskussion über Mountainbikes und die besten Routen auf unserer Tour. Bei den Beschreibungen über Gefälle und Steigungen wird mir ganz schwindelig. Ich verabschiede mich und kehre zurück zu den Süßigkeiten. Jetzt auch noch senkrecht in die Pedale treten – na klasse.

Jennifer Latuperisa-Andresen
Jennifer Latuperisa-Andresen

Doch an der Trout Point Lodge ist kein Berg in Sicht. Nicht einmal eine geeignete Strecke für eine Fahrradtour mit Kind. Ein Gefühl der Entspannung machte sich breit. Ich nehme ein Buch und damit Platz auf der Holzveranda mit Blick auf die kanadische Wildnis. Es ist mucksmäuschenstill. Bis jetzt. »Los – es gibt in drei Stunden Essen. Wir wollen doch nicht die Zeit vertrödeln«, sagt mein Mann. Und während sich unsere Tochter schon bereitwillig die Wanderschuhe überstreift, träume ich noch davon, im Hotelbett zwanzig Minuten Probe zu liegen, in der Bibliothek zu stöbern und mir den Kräutergarten anzusehen. Derweil werde ich aber eher durch das Gestrüpp gezerrt und kann ein fröhlich hüpfendes Kind hinter den Büschen beobachten. Na ja, es ist ja »unser« Urlaub und meine Zeit wird kommen. Früher, als ich es erwartet habe, denn nach einer ausgiebigen Paddeltour entlang des Flusses am Hotel, werde ich am Abend mit einem Dinner auf Sterneniveau belohnt. Relais und Châteaux hält, was es verspricht, eine exzellente Küche mit den Zutaten aus der Region. Für den Rest der Familie sind Shrimp Ceviche und Schwertfisch nicht gerade Lieblingsspeisen. Während ich also jeden Bissen genieße, träumt mein Mann von Fingerfood und einem eiskalten Bier, und meine Tochter lässt jeden der vier Gänge zurückgehen, ohne ihn anzurühren. Eine frustrierende Situation für Koch und Kind. Doch nach drei Broten und acht gegrillten Marshmallows über dem Lagerfeuer ist auch die kleine Reisende zufrieden.

CTC
CTC

Ab ans Meer

Von der Trout Point Lodge nach Brier Island. Was kann es Schöneres geben, als sich ausgeschlafen auf unbekanntes Terrain begeben und auf Erkundungstour gehen. »Meinst du, ich kann die Insel schwimmend umrunden?«, fragt mein Mann. Dazu muss man wissen, dass er nicht unbedingt Distanzen, Gefahren oder Geschwindigkeiten realistisch einschätzen kann. Ein Schwimmverbotsschild in Kroatien wurde ihm einst fast zum Verhängnis, weil die Strecke, die er unbedingt bezwingen wollte, gleichzeitig die Zone für die Schnellfähre aus Venedig war. Ich weise dezent darauf hin, dass es sich um eine 7,5 Kilometer lange und 2,5 Kilometer breite Insel handelt. Ein Halbmarathon in Kraulzügen. Aber zum Schwimmen wollen wir ja auch eigentlich nicht dorthin. Grund für unseren Abstecher zum westlichsten Punkt Nova Scotias sind die Wale. Doch allein die Route zu dieser Insel ist sehenswert. Rechts und links das Meer, eine Landzunge, bestehend aus kleinen krummen Holzhäuschen, meterlangen Wäscheschnüren und sattgrünen Wiesen. Überall lässt sich prima picknicken. Danach gilt es, zwei Autofähren zu meistern, um dann auf Brier Island zu landen, wo es tatsächlich kaum etwas zu tun gibt. Außer einer Wandeurng zum Leuchtturm. Das ist schnell gemacht. Eine Wanderung zu den Robben. Auch das. Glücklicherweise verhindert das Wetter, dass mein Mann in die Badehose schlüpft, um zu den Robben ins Wasser zu springen. Stattdessen also Vorfreude auf Grind-, Buckel-, Zwerg-, Beluga- und Pottwale. Besser geht’s nicht, oder?

CTC

CTC

Endlich: Wale

Sagen wir es so: Für mich ist die Aussicht auf frei schwimmende Wale und Delfine ein Glück. Ein Anblick, dessen ich nicht müde werde, weil ich ihn sehr selten habe. Für meinen Mann bedeutet es, sechs Stunden stillzusitzen auf engstem Raum im Kreis von 20 weiteren Personen, die diese Walbeobachtungstour gebucht haben. Meine Tochter hingegen hat bisher keinen Wal gesehen. Dann der erste Weißstreifendelfin. Ein freudiges Lächeln, bei der Tochter, und der Mann mutiert zum übereif­rigen Fotografen. Aufgeregtes Getummel an Bord, als der erste Buckelwal auftaucht. Ich kann mich nicht mehr von der Reling lösen. Faszinierende Tiere. Carole, Tour-Biologin, erklärt mir, dass die Tiere dokumentiert werden und sie ihren Lebenslauf verfolgen. Das Walweibchen Shalom kehrt bereits seit 16 Jahren in diese Region zurück. Als ich mich umdrehe, sitzt meine Familie mit dem Rücken zu den Walen. Desinteresse. »Na ja, der sieht ja immer gleich aus. Einmal gesehen und fertig. Und wieso gibt es hier eigentlich keine Blauwale, das wäre mal spannend«, sagt mein Mann.

 

Jennifer Latuperisa-Andresen
Jennifer Latuperisa-Andresen

Faszinierend: Bay of Fundy Und Kejimkujik

Von Brier Island nach Annapolis Royal. Wir fahren entlang der Bay of Fundy. Die Bucht ist bekannt für ihren außergewöhnlich hohen Tidenhub, der zwischen 15 und 21 Metern liegt. Das bedeutet, dass das Wasser beispielsweise im Hafen von Digby um 15 Meter bei Ebbe sinkt und die Schiffe dann auf Grund liegen. Wenn die Flut kommt, ist aber alles wieder im normalen Rahmen.

Daraufhin folgt das Paradies für den Adrenalinjunkie: der Nationalpark Kejimkujik. Ich bekomme ein Rad und einen Helm und die Anweisung, ihm und ihr zu folgen. Nun geht es also bergauf. Für jeden Mountainbiker wahrscheinlich ein Witz. Für ein Gehsteigradler, der Steigungen vermeidet, eine keuchende Angelegenheit. Doch zwei glückliche Menschen sind in ihrem Element, da werde ich ihnen nicht den Spaß verderben, indem ich absteige und am Wegesrand Blümchen zähle, auch wenn der Wunsch sehr stark ist. Doch die Tour lohnt sich. Der Park ist wunderschön. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, ihn zu erkunden, und wenn man genügend Zeit hat, lohnt es sich, mit einem Kanu loszupaddeln, an kleinen Buchten anzulegen, um dort zu schwimmen oder gar die Nacht im Zelt zu verbringen. Wir hingegen nächtigen in einem feinen und mit Antiquitäten bestückten Bed and Brea­kfast im noblen Annapolis Royal. Ein Ort mit reicher Kultur und zudem hübsch anzusehen. Richtig lohnenswert.

Jennifer Latuperisa-Andresen
Jennifer Latuperisa-Andresen

Der letzte Tag

Von Annapolis Royal über Canning nach Wolfville. Vor dem nächsten Tag graut es mir. Steht doch da die Raftingtour in Wolf­sville an. Doch wie durch ein Wunder stimmt mein Mann der Alternative zu: eine Wanderung hinaus zum Cape Split. Nach fünf Stunden Durchmaschieren, belohnt durch eine atemberaubende Aussicht, sind wir alle komplett erschöpft. »So stelle ich mir einen Urlaub vor«, sagt mein Mann. »Sportlich aktiv an einem der schönsten Plätze, an dem ich je war.« Ab und zu hat er recht, mein Mann.

 

America Unlimited hat eine wunderschöne, maritime Reise im Angebot, die 15 Tage durch Nova Scotia führt. Mehr Infos hier.

Infos. Nova Scotia Tourism, Schwarzbachstr. 32, 40822 Mettmann, Tel.: 02104 797454, www.novascotia.com

Unbedingt beachten. Für diese Reise braucht man einen Mietwagen inklusive GPS. Eine Anmietung ist bei den üblichen Autovermietungen wie Avis oder Hertz am Flughafen von Halifax möglich.

Halifax. Die besten Tipps für die Stadt findet ihr hier.

Lunenburg. Infos zur Stadt unter: www.lunenburgns.com

Trout Point Lodge. 189 Trout Point Road, off the East Branch Road & Hwy. 203, East Kemptville, Nova Scotia B0W 1Y0, Kanada, Tel.: +1 902 761 2142, www.troutpoint.com. Achtung, in den Wintermonaten hat die Lodge geschlossen.

Annapolis Royal. Wunderschönes Bed & Breakfast: Hillsdale House Inn, 519 St. George Street, Annapolis Royal, Nova Scotia, Tel.: +1 902 532 2345, www.hillsdalehouseinn.ca; Übernachtung im DZ € 105, plus Kind € 15 extra

Peggy’s Cove: www.peggyscove.ca.

In der Nähe von Shelburne befindet sich der beliebteste Leuchtturm der Region: www.capeforchulight.com.

Infos zum Nationalpark Kejimkujik hier.

Spread the love