Jakob Owens

Das Beste des kanadischen Films ist seine kulturelle Vielfalt

Das Kanada die günstige und natürlich freundliche Alternative zu Hollywood ist, ist längst bekannt. Doch Kanada ist nicht nur ein beliebter Drehort für internationale Filmproduktionen. Auch kanadische Eigenproduktionen wecken international zusehends das Interesse der Öffentlichkeit. Auf der Berlinale 2018 ist Kanada »Country in Focus«.

 

Telefilm Canada

Da bietet sich ein Gespräch über die kreative Filmszene Kanadas regelrecht an. Am besten mit einer Frau, die sich in der kanadischen Filmbranche bestens auskennt. Carolle Brabant ist Executive Director von Telefilm Canada, dem zentralen  kanadischen Filmförderungsorgan. 

 

Was ist charakteristisch für den kanadischen Film?

Ich glaube, dass kanadische Filmproduktionen national und international stetig mehr Gewicht bekommen. Das Geheimnis liegt in der kanadischen Sicht auf die Welt: Unsere Ideen, unsere Offenheit und unsere Verschiedenartigkeit bringen Geschichten hervor, die uns von anderen positiv unterscheiden. Außerdem sind wir gut darin, originelle Filme mit kleinem Budget zu realisieren.

 

Jakob Owens

Was sind die Besonderheiten der kanadischen Filmindustrie?

Ich könnte dutzende Wörter finden, um unser überwältigend schönes Land und die Talente, die darin wirken, zu beschreiben, aber ich sage nur eins: Vielseitigkeit. Kanadas größtes Glück ist seine Verschiedenartigkeit auf allen Ebenen. Wie viele andere Länder auf der Welt ist Kanada ein buntes Mosaik, das aus unterschiedlichen Kulturen und Identitäten besteht. Und das ist es, worauf wir seit Jahrhunderten ganz stolz sind: Männer und Frauen aus allen Kulturen mit ihrer eigenen Geschichte sind nach Kanada gekommen, um hier zu leben. Und diese Menschen wollen sich auch auf der Leinwand wiederfinden, ihre Geschichten wollen erzählt werden. Kurzum: Der größte Schatz der kanadischen Filmindustrie ist die kulturelle Vielfalt, die unterschiedlichen Stimmen, Perspektiven und Geschichten. 

Wie viele Filme und Serien werden jährlich in Kanada produziert?

In 2016, wurden 133 kanadische Filme realisiert.

 

Wie viele Filme sind davon international bekannt? Was sind die bekanntesten kanadischen Eigenproduktionen?

Die Kreativität der kanadischen Filmschaffenden erstrahlt zunächst über die Leinwände der internationalen Filmfestivals. Zuletzt waren die Filme kanadischer Regisseure auf insgesamt 72 Festivals auf der ganzen Welt zu sehen und erhielten 61 Auszeichnungen und Preise. Unsere Favoriten aus über 100 kanadischen Filmen für die Berlinale 2018 sind: Sharkwater – Wenn Haie sterben, Maudie, Life, An ihrer Seite, Rendezvous mit einem Eisbär, Monsieur Lazahr, Mein Praktikum in Kanada, Kinder aus der Hölle, Geron, Triptychon, Lao Shi und Der Sämann.

 

Was ist die Kernaufgabe von Telefilm Canada?

Telefilm Canada hat die Aufgabe, die kanadische Filmindustrie zu stärken und sie weiterzuentwickeln. Wir unterstützen die Filmschaffenden durch finanzielle Fördermittel und Maßnahmen, die dazu beitragen, dass die Filme künstlerisch, kulturell und auch wirtschaftlich erfolgreich sind. Kanadas Kreativität strahlt über den Globus: Das ist unsere Vision. Jedes Jahr entdeckt die Welt neue kanadische Talente: Das ist unser Ziel.

Jakob Owens

Wie wichtig ist der deutsche Markt für kanadische Filme?

In den letzten zehn Jahren haben wir unsere Aktivitäten verstärkt und unsere Co-Produktions-Strategien erweitert, um so die kanadische Filmindustrie bestmöglich nach vorne zu bringen. Wir hoffen, dass die Deutschen eine genauso große Begeisterung für unsere kanadischen Filme auf der Berlinale zeigen, wie sie es immer schon getan haben. Und dass unser Besuch beim European Film Market der Berlinale die deutsche Filmindustrie darin bestärkt, weitere Co-Produktionen gemeinsam mit Kanada zu entwickeln.

 

Wie sehen Sie die Zukunft des kanadischen Films?

Die wachsende Prominenz einer beachtlichen Zahl kanadischer Schauspieler und Regisseure auf dem internationalen Parkett und die Schnelligkeit, mit der sich die kanadischen Talente entwickeln, hat dazu beigetragen, dass Kanada mittlerweile international das Renommee genießt, ein Kreativ-Pool zu sein. Doch nicht nur das. Auch unseren Fernsehserien und -filmen wurde mittlerweile große Anerkennung zuteil. Heute hat unsere Filmindustrie ein Niveau und ein Selbstbewusstsein erreicht, das es uns erlaubt, Filme zu produzieren, die auf Augenhöhe mit den besten Filmen der Welt sind. Wir wünschen uns, dass noch viele Kooperationen mit Deutschland folgen.

Einen eigenen Kanal namens Rendevouz Kanada mit kanadischen Filmen befindet sich bei itunes unter diesem Link.

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Folgende Filme kann ich Euch dort ans Herz legen:

 

 

A History of Violence. David Cronenberg (die kanadische Regieikone) hat mit Herr-der-Ringe-Star Viggo Mortensen ein dichtes Drama inszeniert über einen Coffee-Shop-Besitzer, der bei einem Überfall, die zwei Angreifer tötet und schließend als Held gefeiert wird. Mit üblen Konsequenzen. Ein Film der mich lange beschäftigt hat.

Tödliches Versprechen. Noch einmal David Cronenberg, noch einmal Viggo Mortensen. Thema. organisiertes Verbrechen und Mafiaverhältnisse um einen Patriachen (übrigens sensationell gespielt von Armin Mueller-Stahl). Der Film ist. wie für Cronenberg üblich, nicht zimperlich. Ohne zu spoilern, darf verraten werden, dass die Saunaprügelszene einem jahrelang im Gedächtnis bleibt. Viggo Mortensen wurde für diese Rolle für den Oscar norminiert und der Film gewann bei den Filmfestspielen in Toronto den begehrten Peoples Choice Award.

Enemy. Dieser Film ist nichts für Freunde der Baller-Action-Filme oder Comicverfilmungen. Man könnte vermuten, dass der Film, immerhin auch hochkarätig besetzt mit Jake Gyllenhall und Isabella Rossellini, genau in dieses Genre fällt. Tut er aber nicht. Wer jedoch die Regiearbeiten von David Cronenberg oder noch besser von David Lynch zu schätzen weiß, dem wird dieser Film gefallen. Dann nämlich ist er nervenaufreiben, verworren und lässt viel Raum zur Interpretation. Die Bildsprache ist hervorragend, wunderschön gedreht. Meiner Meinung nach, ein richtig tolles Werk von dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve.  

Atanarjuat: Der Schnelle Läufer. Achtung Untertitel. Dieser Film bedarf permanente Aufmerksamkeit, denn er ist der allererste Film in der Filmgeschichte der in Inuktituk geschrieben, gedreht und gespielt wurde. Und das macht Sinn: Erzählt der Film des Inuit-Regisseurs Zacharias Kunuk doch die Legende des Atanarjut, die in Geschichten mündlich seit Generationen unter Inuit erzählt wird. Der Film veranschaulicht dadurch nicht nur eine Legende des Volks, sondern spiegelt auch ds harte Leben in der Arktis wieder. Ausgezeichnet wurde er in Cannes 2001 mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet und als Greatest Canadian Film of all time ausgezeichnet. Wer einmal, wie ich, in der Arktis war, sieht den Film eventuell mit anderen Augen. Tolles Werk und ein Teil kanadischer Filmgeschichte.


 

Übrigens die drei Top-Filme aus Kanada (Co-Produktionen) seit 2000 sind:

Vergiss mein nicht mit Jim Carrey und Kate Winslet.– In Michel Gondrys (übrigens ein Franzose) Verfilmung des von Charlie Kaufman (Being John Malkovich) verfassten Drehbuchs »Vergiss mein nicht!« will Jim Carrey (übrigens ein Kanadier) nicht nur seinen Liebeskummer, sondern gleich alle Erinnerungen an Kate Winslet aus seinem Gedächtnis löschen. Wunderschöner Film, den man gesehen haben sollte

 

Blade Runner 2049 mit Ryan Gosling und Harrison Ford.  – In Blade Runner 2049, der Fortsetzung des Science-Fiction-Klassikers von Ridley Scott, begibt sich Replikantenjäger Ryan Gosling (übrigens ebenfalls Kanadier)  auf die Suche nach seinem seit 30 Jahren verschollenen Ex-Kollegen Harrison Ford. Man darf schon fast sagen, dass Ridley Scott glücklicherweise nicht auf dem Regiestuhl des Sequels saß und deswegen Platz schaffte für das kanadische Talent Denis Villeneuve, dem ein wunderbarer Film gelungen ist.

Raum mit Brie Larson. – In dem Entführungsdrama Raum wird Oscargewinnerin Brie Larson mit ihrem Sohn jahrelang in einem Zimmer festgehalten. Nach der erfolgreichen Flucht müssen sie sich Mutter und speziell der Sohn an die Welt erst einmal gewöhnen. Der Film basiert auf einen Roman der irisch-kanadischen Schriftstellerin Emma Donoghue. Schon bei den Toronto Film Festival wurde dieses packende Drama mit dem People Choice Award ausgezeichnet.

 

 


Hier findet ihr eine Liste mit Filmen, die in Kanada gedreht wurden, inklusive der Locations.

Hier findet ihr eine Reportage über die Bedeutung der Stadt Toronto in der Filmbranche.

 

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