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Eine Lichtgestalt aus dem hohen Norden

Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau ist der politische Hoffnungsträger seiner Generation.  Von Ralf Johnen


Ein seriöser Politiker mit der Anmutung eines Popstars? Dieses Ideal schien in unserer desillusionierten Gegenwart nur noch der müde Tagtraum alternder Hippies. Dann kam der 4. November 2015 – und mit ihm der Wahlsieg von Justin Trudeau. Seit diesem Tag rangiert Kanada in der imaginären Hitparade der meist beneideten Nationen ganz vorne. Und seinem Premier schlägt eine Welle fast schon irrationaler Verehrung entgegen, die allenfalls an John F. Kennedy erinnert.

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Der Anti-Trump

Die Gründe hierfür sind vielfältig: Justin Trudeau kämpft gegen Öl-Pipelines und für den Naturschutz. Er setzt sich für die Legalisierung von Marihuana ein. Wie selbstverständlich nimmt er in rosafarbenem Hemd an einer Parade für die Rechte Homosexueller teil. Frauenquoten von 50 Prozent sind für ihn mit dem lapidaren Hinweis auf unsere Zeitrechnung (»Wir schreiben das Jahr 2017!«) eine Selbstverständlichkeit. In seinem Kabinett sitzen Vertreter der Ureinwohner und anderer Minderheiten. Und Flüchtlinge aus Syrien nimmt er auch schon mal persönlich in Empfang.

Heldenhaftes Christkind

Mit diesen Tätigkeitsnachweisen hat sich Trudeau binnen weniger Monate zum Hoffnungsträger einer ganzen Generation aufgeschwungen. Auch sonst ist seine Vita superheldentauglich: Der studierte Literaturwissenschaftler besitzt einen Abschluss in Pädagogik. Auch war er für Ingenieurswissenschaften und Umweltgeographie eingeschrieben. Er blickt auf eine Vergangenheit als Boxer zurück, kann surfen und beherrscht die Gesetze der sozialen Medien. Auch ist er alles andere als ein politisches Greenhorn, schließlich war bereits sein Vater Pierre kanadischer Premierminister (von 1968 bis 1979 und von 1980 bis 1984). Ganz nebenbei ist der bilinguale Justin auch noch ein Christkind: Trudeau wurde am 25. Dezember 1971 in Ottawa geboren.

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Trotz alledem werden sowohl der Boulevard wie auch die sozialen Medien nicht müde, vor allem Aussehen und publikumswirksame Auftritte des Politikers zu thematisieren. Der Hype erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt, als Kate Middleton, ihres Zeichens Herzogin von Cambridge, während des gemeinsamen Kanada-Besuches mit ihrem Mann, Prince William, dabei ertappt wurde, wie sie Trudeau ziemlich unbeholfen anhimmelte. Der dreifache Familienvater, der seine Frau Sophie Grégoire schon seit der Kindheit kennt, zeigte sich unbeeindruckt und trotzte den königlichen Avancen.

Idol der Liberalen

Lieber konzentriert er sich darauf, seinen Aufstieg vom Spitzenkandidaten der Liberal Party of Canada zum Idol aller Liberalen der Welt Gestalt zu geben: Als zeitgemäßer Gegenentwurf zu Donald Trump, der reaktionären Kräften und spätkapitalistischer Raffgier mit Weitsicht und Fortschrittsglauben begegnet. Ein kräftiges Statement – durch das der politische Einfluss Kanadas seiner geographischen Größe ein Stückweit näherkommt.

Noch allerdings ist Trudeau trotz des nachvollziehbaren Hypes nicht viel mehr als ein Versprechen. Und an diesem gibt es sehr wohl auch Zweifel. So verlor der junge Premier im Mai 2016 am Rande einer Parlamentssitzung die Contenance: In einem Handgemenge machte eine sozialdemokratische Politikerin Bekanntschaft mit dem Ellbogen des Regierungschefs, der sich umgehend mit dem Hinweis entschuldigen musste, von sich selbst ein korrekteres Verhalten zu erwarten. Auch bemängeln Kritiker die elitäre Herkunft des Shooting-Stars, der sich im Leben nie unter harten Umständen habe beweisen müssen.

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Und die knallharte Realtität?

Anlass zur Sorge bietet auch die schwächelnde kanadische Wirtschaft, die unter Trudeaus Vorgänger Stephen Harper bereitwillig den Interessen des Kapitals gehorcht hatte. Insbesondere in der Ölindustrie und ihren Satelliten ist die umweltfreundliche Politik der Gegenwart nicht gut gelitten. Der kanadische Dollar fällt gegenüber den Leitwährungen beständig. Viele Kanadier sind überschuldet und die Immobilienpreise in den attraktiven Metropolen explodieren.

Unweigerlich wird sich daher schon in naher Zukunft das wahre Gesicht des Politikers zeigen: Ist Justin Trudeau nur ein optimistischer Frauenschwarm? Oder kann er seinen Idealismus dauerhaft kanalisieren und mit seinem Tatendrang Kanada zu einem leuchtenden Vorbild machen, dessen Glaube an einen besseren und gerechteren Planeten auf andere Länder abfärbt?

Fan bleiben

Wer die allgemeine Entwicklung der Weltpolitik zuletzt mit Sorge betrachtet hat, wird Trudeaus Aufstieg zur Lichtgestalt im gleichen Maße mit Wohlwollen beobachten. Sollte künftig weniger vom Aussehen des Ministerpräsidenten und anderen Oberflächlichkeiten die Rede sein, ist das ein gutes Zeichen. In diesem Fall hätten die Inhalte gesiegt. Doch keine Angst: wer will, darf auch dann bestimmt weiterschwärmen.

 

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